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Oktober 19, 2008

Man kann, glaub ich, davon ausgehen, dass jeder Mensch ein Gewissen hat – manche ein stärker ausgeprägtes, manche ein schwächer ausgeprägtes. Und geht nicht mit diesem Gewissen eine Hemmschwelle einher, die uns davor abhält moralisch falsche Entscheidungen zu treffen? Gewissen und moralische Hemmschwelle machen uns zu – wenn auch subjektiv – moralisch richtig handelnden Menschen, unabhängig davon woher wir unsere moralischen Richtlinien nehmen: Religion, staatliches Recht, subjektives Empfinden, oder eine Kombination davon. Eine moralisch falsche Entscheidung bewirkt nun einerseits, dass unser moralischer Verstand uns mit einem schlechten Gewissen bestraft. Eine Mechanismus, der uns quasi davor bewahren soll, in Zukunft in der selben Situation wieder die falsche Entscheidung zu treffen. Was aber wenn das die einzige Konsequenz ist, wenn uns aus der falschen Entscheidung kein anderer Nachteil entsteht, weil sie unbeachtet bleibt, weil sie niemandem geschadet hat und wir im Gegenzug sogar Freude oder Nutzen daraus gezogen haben? Vielleicht weicht die Hemmschwelle ein wenig auf? Vielleicht verschiebt sie sich sogar? Und vielleicht verschiebt sie sich immer weiter, je öfter wir diese Entscheidung treffen. Ein einfaches Beispiel: die erste Zigarette, auf einer Party? heimlich im Wald? den Eltern geklaut? aber mit Sicherheit in irgendeiner Weise heimlich und mehr oder weniger nicht öffentlich. Und das Gefühl dabei: man weiß, dass man etwas Verbotenes tut, man wollte doch nie! aber man probiert ja nur aus! Mit jeder Zigarette, mit jeder Gelegenheit wird es normaler. Die Bedenken melden sich immer seltener. Dann irgendwann überschreitet man die nächste Schwelle – auch die wieder von Bedenken und schlechtem Gewissen geplagt: die erste eigene Schachtel Zigaretten. Und irgendwann sind sämtliche Hemmschwellen verschoben, alle Bedenken ausgelöscht und man ist ein Raucher. Ein Mensch, der von einem Tag auf den anderen beginnt eine Schachtel Zigaretten zu rauchen, ist schwer vorstellbar. Ähnlich stell ich mir das mit Geschwindigkeitsdelikten und Alkohol am Steuer vor – kein Mensch beschließt von einem Tag auf den anderen, mit über 142km/h durch den Nebel und bewohntes Gebiet zu rasen, kein Mensch beschließt von einem Tag auf den anderen, mit 1.8 Promill noch ins Auto zu steigen. Ein solcher Mensch, der ein Gesetz in dem Ausmaß überschreitet, muss schon hart daran gearbeitet haben, seine Hemmschwellen so sehr nach oben zu verschieben. Ich denke, das Ausmaß mit dem Jörg Haider an seinem Todestag die Gesetze übertreten hat, läßt nur einen Schluß zu: er war ein Wiederholungstäter und ein schwerer Alkoholiker.

Gut: ein anderer Schluß ließe sich auch ziehen, und ich muß zugeben, dass der auch nicht so unpaßend scheint: Es gibt ein Alter, in dem jeder Mensch sehr unvernünfigte Entscheidungen trifft und viel Scheiße baut: man nennt es Teenagerzeit. War also Jörg Haider ein Alkoholiker und notorischer Raser oder war er ein Mensch, der in seiner Reife nicht über die eines halbstarken Teenagers hinausgekommen ist.

Und an Herrn Petzner eine Frage zum Abschluß: Wenn Sie im heutigen “Frühstück bei mir” auf Ö3 auf die Frage, ob denn Haider eine rasanter Autofahrer gewesen sei, antworten, dass sie das nur so beantworten wollen, dass sie sich bei Haider eben immer sicher gefühlt haben, geben Sie dann nicht indirekt zu, dass Haider eben ein notorischer Raser war? Wenn ich mich täusche, warum antworten Sie dann nicht mit einem einfachen „Nein“ auf die Frage.